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5. Juli 2014 / AugenZeugeKunst

Holzhocker und Armierstahl – Ai Weiwei in Berlin

Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigt noch bis zum 13. Juli 2014 die Ausstellung „Ai Weiwei – Evidence“.

Ai Weiwei zeigt auch in Berlin eine Installation mit chinesischen Holzhockern „Stools, 2014″. Diesmal bilden sie eine mosaikartige Fläche, die den gesamten Lichthof im Martin-Gropius-Bau einnimmt.

Allein dieser Anblick lohnt einen Besuch der Ausstellung.

Die überwiegend dreibeinigen Holzhocker sind zum Teil einige Jahrhunderte alt und in China insbesondere auf dem Land traditionelle Sitzmöbel, die mehr und mehr zugunsten moderner Plastikstühle von ihren Besitzern entsorgt werden. Mit diesen „verlassenen“ Holzhockern arbeitet Ai Weiwei schon seit vielen Jahren. Seine erste Arbeit dazu, „Stool, 1997“,verbindet zwei nahezu identische Holzhocker aus der Qing-Dynastie (1644-1911) so miteinander, dass sie sich ein Stuhlbein teilen. In dieser Zeit (1981 bis 1993) lebte Ai Weiwei in den USA und beschäftigte sich u. a. mit den Readymades von Marcel Duchamp. Mit „Stool, 1997“ reflektiert Ai Weiwei das berühmte erste Readymade von Marcell Duchamp „Bicycle Wheel, 1913“ sozusagen „auf Chinesisch“. Die folgenden Skulpturen mit chinesischen Holzhockern, wie „Grapes“ und „Bang“ (2013, Biennale Venedig), werden üppiger und beziehen sich, wie auch die Arbeit in Berlin, direkt auf den Raum.

Nachhaltig beeindruckt hat mich auch die Installation mit verdrehten Armierstählen „Forge“.
Die Armierstähle stammen aus den Trümmern des Erdbebens in Sichuan. Sie dienen beim Betonbau als verbindende Elemente, halten ein Haus zusammen. Nach dem schweren Beben wurden sie in einem ähnlichen Zustand vorgefunden, wie sie in dieser Installation zu sehen sind. Ai Weiwei hat vor Ort tonnenweise dieser Armierstähle eingesammelt und deren aufwändige Begradigung beauftragt. Wollte er damit die Welt wieder in Ordnung bringen? Die Armierstähle recyclen?

Unter dem Titel Straight wurden sie von Ai Weiwei mehrfach ausgestellt. Beeindruckend ist bei dieser Arbeit vor allem die Masse. Beim Anblick dieser wird deutlich welche Ausmaße der uns umgebende, industrielle Wohnungsbau hat. Dieses quasi unsichtbare Material hält alles zusammen.

Für die Installation Forge hat Ai Weiwei die zuvor begradigten Armierstähle dann wieder verbiegen lassen.
Den Stahl in seiner Form zu verändern ist ein gewaltiger Kraftakt. Ein Video in der Ausstellung zeigt den Prozess. Mehrere Stahlarbeiter verbrachten Wochen schweißtreibender Arbeit in der Schmiede. Das Erdbeben, und mit ihm die Demolierung der Armierstähle, dauerte nur wenige Minuten.

 

Ai Weiwei – Evidence
3. April bis 13. Juli 2014
Martin-Gropius-Bau Berlin
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
Öffnungszeiten: täglich 10:00–20:00
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  1. Susanne Haun / Jul 6 2014 6:48

    Liebe Anna,
    ich war zweimal in der Ausstellung und fand sie großartig. Es ist keine Ausstellung, „die der Besucher konsumiert“. Es erfordert eine große Auseinandersetzung mit dem Thema AiWeiWeis Kunst. Wir haben im Seminar zeitgenössische Kunst an der Uni über die Ausstellung gesprochen und ein Referat zu AiWeiWei gehört.
    Ich habe jedes der Armierstähle als eines der Kinder gesehen, die bei dem Erdbeben starben, weil die Häuser nicht Erdbebensicher gebaut waren. Sie standen für mich als der Aufschrei, dass China verschleierte, wieviele Kinder tatsächlich starben. Ich weiss, es gibt dazu die Installation mit der Auflistung der Namen der Kinder. Die Installation war doch als Blog aufgebaut, wo die Namen von den Verwandten eingetragen werden konnten, damit überhaupt erst einmal eine Zahl der Opfer bekannt wird. China hat den Blog vom Netz genommen.
    Ich finde es interessant, dass ein Blog in anderen Ländern als Protest und Kunst genutzt wird.
    Aber ich sage ja auch immer, mein Blog ist ein großer Teil meines Werkes. Wenn ich darin auch nicht protestiere, denn im Großen und Ganzen geht es uns in Deutschland sehr gut.
    Wir haben uns an der Uni gefragt, geht es um AiWeiWei bei der Ausstellung oder um seine Kunst?
    Liebe Grüße von Susanne

    • AugenZeugeKunst / Jul 6 2014 15:27

      Liebe Susanne, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr über deine Reaktion.
      Die Arbeiten von Ai Weiwei haben mich auch sehr lange beschäftigt. Und nicht nur die in Berlin. Ich hatte im letzten Jahr mehrere Arbeiten von ihm auf der Biennale Venedig gesehen und auch den Dokumentarfilm „Ai Weiwei: Never Sorry“, den ich sehr empfehlen kann.
      Ich mag Kunst, an der sich meine Gedanken reiben können. Deshalb knöpfe ich mir dann meist eine Arbeit vor und versuche diese zu verarbeiten. Die Arbeit “Forge” hatte es mir sofort angetan. Sie war für mich ästhetisch sehr ansprechend und stellt bei näherer Auseinandersetzung so viele Bezüge her. Zu einzelnen Menschenschicksalen, aber auch zur Geschichte und Politik Chinas allgemein; zur Industrialisierung und deren Folgen; zur Geschichte Ai Weiweis, seinem Werk und zur Kunstgeschichte. Ich hatte ja sofort Beuys Soziale Plastik im Kopf, die hier mit Sicherheit hinterlegt werden kann. Aber damit müsste man sich einschlägiger beschäftigen und dafür reicht die Zeit momentan leider nicht. Ich habe auch viel zu wenig Ahnung von China…
      Ich glaube es geht Ai Weiwei nicht vordergründig um ihn oder seine Kunst. Er nimmt die Welt um sich herum aufmerksam wahr und kommuniziert das gesehene mit künstlerischen Mitteln so, dass man sich angesprochen fühlt und irgendwie auch als Teil davon. Man kann Anteil nehmen und mehr…
      Alles in allem ein sehr spannender Künstler!
      Vielleicht können wir ihm einen Salonabend widmen, was meinst du?
      Liebe Grüße von Anna

  2. kormoranflug / Jul 12 2014 17:03

    Auf alle Fälle ein Künstler der polarisiert. Mit politischer Konzeptkunst habe ich mich bereits schon mehrere Jahre beschäftigt. Die Hocker sehen in der Mittelhalle im Gropius Bau großartig aus. Das liegt an der Masse gleicher Elemente, die hier zu einer Raumeinheit werden. Die Konzept-Idee finde ich sehr konstruiert. Wir hatten früher auch ähnliche Melkschemel bei meinem Großvater und würden wir diese sammeln, sieht das gut aus und zeigt auch etwas von der Veränderung der Produktion- und Lebensbedingung der früheren Kleinbauern.
    Die Idee mit den Betonstählen finde ich klarer. Was mir nicht gefiel: die Ausprägung in Marmor.
    Kleiner Gruss vom Tom Kormoran

  3. AugenZeugeKunst / Jul 13 2014 11:55

    Lieber Tom, vielen Dank für deinen Kommentar!
    Ai Weiwei polarisiert, ganz klar. Viele winken schon ab, wenn sie seinen Namen hören, finden seine Arbeiten langweilig und so weiter. Kann ich auch nachvollziehen. Als ich vor ein paar Jahren auf Ai Weiwei aufmerksam wurde, waren er und seine Kunst mir zunächst suspekt, weil er so extrem in den Medien präsent war. Sowas macht mich immer skeptisch. Dann habe ich mehr oder weniger zufällig den Dokumentarfilm “Ai Weiwei: Never Sorry” gesehen, den ich sehr erleuchtend empfand. Seit dem habe ich mich etwas näher mit ihm beschäftigt und finde einige seiner Arbeiten sehr spannend – wie zum Beispiel die mit den Armierstählen und den Holzhockern.
    Die Holzhockerarbeit finde ich spannend, weil sie gerade so global alltäglich ist und quasi überall auf der Welt Bezug finden kann. Denn bei aller Globalisierung ist es ja trotzdem schwierig die asiatische Kultur zu verstehen. Ich kenne mich damit viel zu wenig aus und halte mich lieber zurück mit voreiligen Negativaussagen.
    Armierstähle und Holzhocker sind aber ganz klar auch hier in Europa zu verstehen, deshalb fand ich sie so inspirierend.
    Mit den Marmorarbeiten geht es mir ähnlich wie dir. Ich weiß nur, dass Ai Weiwei das Material Marmor im Kontext zu chinesischen Nationaldenkmälern verwendet. In Berlin war mir nur negativ aufgefallen, wie die 30 Marmortüren ausgestellt waren. Einfach so an einen schlecht präparierten Kubus gelehnt. Das hat mir gar nicht gefallen. Aber ich erwarte nicht, dass mir in einer Ausstellung alles gefällt.
    Ich hoffe, du kannst was mit meinen Ausschweifungen anfangen und wir bleiben weiterhin im Austausch. Liebe Grüße von Anna

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